Kurzgeschichten & Lesungen

«Chris jetzt mach schon, die Frauen sind noch shoppen. Wir müssen vorher wieder im Haus sein», treibe ich meinen Bruder an. Wie kann man nur so langsam sein, ich laufe durch die Reihen von Bäumen und finde einfach nicht den richtigen. Krumm und schief, kaum Nadeln, da ist einfach nicht der perfekte Baum, für meine Jana bei. «Liam, vor drei Reihen der war doch super. Groß und Grün mit einer Spitze und den kannst du sogar selbst absägen. Total männlich wie ein Jäger und Sammler», mault mein großer Bruder rum. «Du hast gut reden, ihr habt schon einen Baum. Ich will für meine Ginny einen Baum, den sie niemals vergisst. Immerhin ist das unser erstes offizielles Weihnachten als Paar.» Ich renne weiter durch die Reihen von Weihnachtsbäumen, da muss doch einfach einer zwischen sein. «Hey Liam, ich bin vorne beim Glühweinstand, wenn du einen gefunden hast, sag Bescheid.» Damit dreht Chris sich weg und geht den Weg zurück. Blödmann, einen tollen Bruder habe ich da. Nur weil er und seine liebste schon eine Tanne haben und meine Eltern ebenfalls schon einen Baum, könnte er mir ruhig mal helfen. 

 

Eine halbe Stunde später stehe ich vor einigen Douglasie Tannen, daneben stehen Fraser Tannen. Ich wüsste nicht mal das die so heißen, wenn da die Schilder nicht wären. Auf denen man nachlesen kann, wo diese Tannen in Amerika heimisch sind. Nur welche soll ich nehmen. Da bleibt plötzlich eine ältere Dame neben mir stehen, «Na mein Junge, wissen sie nicht, welchen Baum sie nehmen sollen? Ist das ihr erstes Weihnachten mit der Liebsten?» Sie schaut mich mit so einem wissenden Blick an, «Ja woher wissen sie das?» Sie tätschelt meinem Arm, «Mein Ryan, Gott hab ihn selig, hat vor 45 Jahren dasselbe für mich gemacht. Den perfekten Baum, für unser erstes Weihnachtsfest gekauft. Und danach folgten viele wunderbare Weihnachtsbäume und Feste. Jetzt muss ich alleine einen Baum holen, damit mein Ryan dort oben zufrieden ist.» «Sind sie denn ganz alleine?», frage ich sie. Sie nickt und stützt sich auf ihren Gehstock. «Ja meine Kinder leben in New York und haben selten Zeit. Aber was schwafel ich altes Weib. Schauen sie sich doch mal den Baum an, der ist schön gerade gewachsen und ist schön voll. Ich glaube, ihrer Liebsten würde der Baum gefallen.» Ich schaue mir den Baum an, auf den sie zeigt. «Sie haben recht, der ist perfekt.» Ich nehme sie in den Arm und drücke sie. Das entlockt ihr ein fröhliches Lachen, «Oh entschuldigen sie. Darf ich ihnen auch helfen? Mit einem Baum.»

    «Das wäre sehr freundlich von Ihnen, ich brauch auch nur einen kleinen Baum. Ich liebe den Geruch von einer Douglasie Tanne.» Wir schauen uns nach einem kleinen Baum um. Als sie fündig wird, nehme ich die Axt zur Hand und schlage uns beide Bäume. Ich schultere sie und wir gehen zusammen zum Verkäufer. «Mrs Cooper, ich hätte ihnen doch geholfen», sagt der Verkäufer. Sie winkt ab, «Ich habe hier einen netten jungen Mann getroffen, der mir geholfen hat.» In dem Moment kommt mein Bruder vom Glühweinstand, «Oh Liam, gehst du jetzt schon fremd.» Er geht auf Mrs Cooper zu, «Junge Frau darf ich mich vorstellen, mein Name ist Christian West.» Er nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss darauf. Sie kichert wieder. «Ach gleich zwei so charmante junge Männer.» Wir stehen zusammen und schauen dem Verkäufer zu, wie er die Bäume in das Netz schiebt. Als er fertig ist, schaut er zu Mrs Cooper. «Soll ich ihnen ein Taxi rufen?» Mein Bruder und ich schauen uns an, und versteht was ich sagen will. Er nimmt beide Bäume und geht zu unserem Auto. «Mrs Cooper, wir bringen sie wirklich gerne nach Hause und helfen ihnen auch beim Aufstellen.» Sie tätschelt wieder meinen Arm, «Das ist zu gütig.» Bevor sie ihr Portmonee herausholen kann, zahle ich beide Bäume.

 

Eine Stunde später sitzen wir wieder im Auto, wir haben Mrs Cooper geholfen den Baum aufzustellen. Sie hat uns einen Tee gekocht und Plätzchen hingestellt. So eine liebenswürdige Dame und ganz alleine. Noch während wir zu Jana fahren, mache ich mir meine Gedanken. Warum lassen Kinder ihre Mum alleine, hat nicht jeder eine Familie verdient, die sich an Weihnachten um einen kümmert? So wie wir das untereinander tun! Als wir bei Jana ankommen, sind die Frauen zum Glück immer noch nicht da. Wir schaffen den Baum in die Wohnstube und fangen an den Baum und das Haus von innen und außen zu schmücken. Ich möchte das Jana sich so richtig wohl fühlt. Danke Chris und Dad kommen wir gut voran. Mum ist uns auch zu Hilfe gekommen, in dem sie sich mit den Frauen in der Mall trifft. Sie hat auch dafür gesorgt, dass ich alles Mögliche an Deko hier habe. Ich bin froh darüber, dass unsere Eltern, Weihnachten immer zu was besonderem gemacht haben. Wir legen gerade letzte Hand an, als wir das Auto hören. Dad und Chris packen die Kisten zusammen und gehen zu Tür. “Mein Junge das hast du gut hinbekommen, lass es was Besonderes werden”, sagt mein Dad. “Wir sehen uns übermorgen zum Brunchen, und Kleiner genießt diesen Moment”, er klopft mir auf die Schulter. 

 

Jana steigt gerade aus dem Auto und blickt zum Haus, ihre Augen leuchten. Genauso habe ich mir das vorgestellt! Langsam kommt sie auf mich zu, Chris und Dad völlig ignorierend.  “Oh mein Gott, hast du das gemacht?”, fragt sie leise. “Naja ich hatte Hilfe, von unserer Familie”, sage ich genauso leise und ziehe sie in meinem Arm. “Ich hoffe es gefällt dir?” Ich winke den anderen zu, Dad nickt einfach nur und Chris zeigt den Daumen hoch. Ja so chaotisch es manchmal zugeht in der Familie West, so sicher ist immer auf sie verlass. Ich führe Jana in die Wohnstube, sie sagt gar nichts. Ich nehme ihr den Mantel ab und führe sie zum Sofa. “Ich bin gleich wieder da, lauf mir ja nicht web“, sage ich und sie haucht ein leises okay. Sie schaut sich im Raum um. Die Lichterkette und die Kerzen tauchen den Raum in ein warmes Licht. die Stimmung ist romantisch, genauso wie gewünscht. Da ich weiß, dass die Frauen noch nichts gegessen haben, bereite ich in der Küche etwas vor. Immerhin habe ich in weißer Voraussicht Essen aus dem Restaurant geordert. Sie hat die Schuhe ausgezogen und die Beine aufs Sofa gezogen. Ich kann gerade noch sehen wie sie sich eine Träne von der Wange wisch. Ich, stelle die Teller auf den Tisch ab, und setze mich neben. “Ginny, Süße was ist los, warum weinst du?”, frage ich sie, denn Tränen bei einer Frau machen mich unsicher. “Ich bin so überwältigt. Das ist so Traumhaft schön, schon lange sah das Wohnzimmer, ach was sag ich das ganze Haus nicht mehr so Weihnachtlich aus. Und du machst es perfekt. Liam ich liebe Dich von ganzem Herzen und hoffe das dies nur der Anfang von vielen wunderschönen Weihnachten sein wird.” Nach den Worten schließe ich sie einfach nur in meine Arme, “Das wird es, wenn du denn willst. Eigentlich wollte ich ja warten bis wir vor dem Baum liegen und ich dir unendlich viele Male gezeigt habe, wie sehr ich dich Liebe”, greife unter das Kissen zu meiner Seite und hole ein kleines Samtkästchen hervor. Ich schiebe den Tisch von uns weg und knie mich vor die Frau meines Lebens. “Jana möchtest du mit mir den Rest meines Lebens verbringen, meinen Namen tragen und aller Welt zeigen, dass wir zusammengehören?” Jetzt fließen die Tränen in Strömen, “Nicht weinen, so schlimm ist es doch gar nicht. Wenn das zu schnell ist, ist es okay …” sie legt mir ihre Finger auf den Mund. “Ach halt doch endlich deinen Mund und küss mich lieber und gib mir endlich den Ring”, sagt sie mit Tränen erstickter Stimme, wobei sie dabei lacht. “Ist das ein Ja?”, ich bin immer noch unsicher. “Was denkst du denn, und ob ich will. Du wirst mich nie wieder los werden.”  Ich ziehe sie noch mal in meinen Arm und küsse sie, ich nehme ihre Hand und versuche mit der anderen das kleine Samtkästchen zu öffnen. Als ich es endlich schaffe, wackelt sie mit den Fingern vor mir rum, “Der eine Ring, uns zu knechten, uns alle zu finden. Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.” Ich liebe es, wenn diese Frau Filmzitate aufsagt. Sie nimmt die Schachtel und zieht den Ring daraus, ich habe mich bewusst für einen kleinen Rubin entschieden. Denn meine Jana ist keine Frau für Diamanten. Der Stein ist nicht sehr groß, der ganze Ring ist filigran und leicht. So wie die Frau, für den der Ring bestimmt ist.  Ich bin so froh, dass sie ja gesagt hat, was wäre gewesen, wenn sie mich abgelehnt hätte. Nach unserem leidenschaftlichen Kuss lasse ich nur widerwillig von ihr ab. Denn ein bisschen Hunger verspüre ich. wenn wir jetzt nicht aufhören wird es kalt und noch mal warm machen ist leider unmöglich.

 

Zum Glück isst sie mehr als Salatblätter und Diätcola. Während wir essen, erzähle ich von meinen Erlebnissen vom Markt. Ich erzähle ihr von dem Erlebnis auf dem Baummarkt. “Warte du meinst Mrs Cooper, eine ältere Dame mit Gehstock?” Ich nicke, “Ja genau, eine ganz herzliche Dame und allein. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wir halten als Familie zusammen, Weihnachten ohne die Eltern und Geschwister, nicht vorstellbar.” Der Satz scheint Jana für einen kurzen Moment aus dem Konzept zu bringen. “Ahhh Eltern, meine Eltern sie kommen, sie wollten Morgen hier sein. Was mach ich denn nur?” Ich nehme ihre Hand, “Jana, dass was du immer machst. Chaos. Deine Eltern kennen dich seit 27 Jahren, meinst du sie erwarten was anderes. Nur, dass du jetzt einen Ring an deiner hübschen Hand trägst.” “Ach stimmt … wo du recht hast”, sie schmiegt sich in meinem Arm. “Woher kennst du eigentlich Mrs Cooper?”, frage ich sie. “Mrs Cooper hatte damals den kleinen Laden an der Ecke. Wir sind als Kinder immer nach der Schule zu ihr und haben uns ein Eis oder was zum Naschen geholt. Ich mochte sie immer sehr.” Ja das glaube ich sofort, “Sie hat den Baum mit ausgesucht. Hat mir gezeigt worauf es ankommt. Ich finde es irgendwie traurig, dass ihre Kinder keine Zeit haben, um sie zu besuchen. Ihr Mann ist verstorben.” Jana bekommt diese kleine Denkfalte, auf ihrer Stirn. “Liam, was hältst du davon, also wenn wir Mrs Cooper einladen. Übermorgen zum Brunchen, bei unserer Familie. Du hast recht, niemand sollte alleine sein. Auch Mrs Cooper nicht.” Ich küsse sie, denn das ist es, was meine Ginny ausmacht. Das Herz am rechten Fleck, sie würde wohl auch alle Katzen und Hunde aufnehmen, wenn sie nur könnte. Es ist beschlossene Sache, wir werden Mrs Cooper morgen Früh einfach überraschen. Und jetzt genießen wir das Licht, die Atmosphäre und uns. 

 

Der Weihnachtsmorgen, wir haben uns die halbe Nacht geliebt und die andere Hälfte einander genascht. Aber psst das würde zu viel verraten. Um kurz vor neun klingeln wir bei Mrs Cooper an der Tür und hören, wie sie langsam zur Tür kommt. Als sie diese öffnet und uns erblickt, liegt ein erstaunter Ausdruck in ihrem Gesicht. “Oh habe ich was vergessen?”, fragt sie an uns gewandt. “Nein, sie haben nichts vergessen. Aber wir finden, dass sie an Weihnachten nicht alleine sein sollten”, sage ich zu ihr. Sie blickt von mir zu Jana, “Ah Jana, Kind du bist groß geworden. Das ist also die Herzensdame von Liam.” Dabei tätschelt sie wieder meinen Arm. “Mrs Cooper, natürlich nur, wenn sie möchten. Wir würden uns sehr freuen, wenn sie mit uns den morgigen Weihnachtsmorgen beim Brunchen verbringen würde.” Sie lächelt uns an, “Ihr solltet eure Zeit nicht mit einer alten Schachtel wie mir verbringen.”  Jana schüttelt den Kopf, “Erstens sind sie keine alte Schachtel, und zweitens sie würden den Tag mit uns, unserer Familie und Freunden verbringen. Bitte, kommen sie mit uns.”

 

 

Jeder Mensch hat eine Familie, manche kümmern sich und verstehen sich. Manche sind ganz alleine, oft ist es eine kleine Geste, die Menschen ein lächeln ins Gesicht zaubert. Seid füreinander da, seid aufmerksam und sprecht miteinander.